Der marokkanische Staat spielt mit der Grenze und der König mit dem Doppelstandard

In Facebook-Gruppen kursieren Hinweise auf eine neue Bewegung Richtung Ceuta in den kommenden Wochen. Genannt wird der 23. September, der Tag der Parlamentswahlen. Wer das als bloßes Gerücht abtut, ignoriert das Muster: Nach außen Distanz, im Hintergrund Duldung. Wenn Rabat die Kontrolle lockert oder wegsieht, bewegt sich die Masse. Wenn es unangenehm wird, dreht der Apparat den Hahn zu und nimmt kritische Stimmen ins Visier.

Nach dem Juli-Ansturm auf Ceuta zehntausende Übertritte, Tote, Chaos in einer Stadt mit rund 80.000 Einwohnern erklärte das Innenministerium laut CBS News, das sei „kein zufälliges oder spontanes Ereignis“ gewesen. Sprecher Rachid El Khalfi nannte die „böswillige Ausnutzung digitaler Plattformen“, irreführende Informationen, Schleusernetze und die Fehldeutung rechtlicher Hinweise. Gleichzeitig berichteten Migranten, marokkanische Beamte hätten sie nicht gestoppt, sondern den Weg gewiesen. Genau das ist die Doppelstrategie: Vor den Kameras Desinformation und Schleuser beschuldigen, an der Grenze den Durchlass ermöglichen.

Das ist kein neues Drehbuch. 2021 ließ Marokko bereits Tausende nach Ceuta durch, als politischer Druck auf Spanien. 2026 wiederholte sich das in größerem Maßstab zeitgleich mit dem Thronfest. Während König Mohammed VI. vor den Medien Stabilität, Würde und wirtschaftlichen Aufstieg predigte, strömten wenige Stunden später Zehntausende Richtung Ceuta. Nach außen der moderne, kontrollierende Staat. Im Hintergrund die Grenze als Ventil und Hebel.

Spanische Polizeiberichte widersprechen später der Linie von Premier Sánchez, der eine staatliche Steuerung öffentlich ausschloss. Wer die Kontrolle über die Grenze hat, entscheidet, ob 500 oder 50.000 Menschen an einem Wochenende schwimmen oder klettern. Der König steht an der Spitze dieses Systems. Die offizielle Rhetorik lautet Partnerschaft und Ordnung. Die Praxis lautet: Migration dosieren, wenn es politisch nützt und Kritiker mundtot machen, wenn sie den Widerspruch benennen.

Jetzt, kurz vor den Wahlen am 23. September, wiederholt sich die digitale Mobilisierung. Gruppen teilen Routen, Zeitfenster, Sammelpunkte Richtung Ceuta. Der Geheimdienst kümmert sich derweil nicht um die Herkunft dieser Kampagnen, sondern um jene, die den Staat und den Palast dafür verantwortlich machen. Image nach außen, Druck nach innen.

Europa sollte aufhören, so zu tun, als wäre das nur ein Social-Media-Unfall. Ein Königshaus, das vor den Medien gegen irreguläre Migration spricht und im Hintergrund die Grenze als Instrument nutzt, handelt nicht als Partner. Es handelt mit zweierlei Maß. Wer das benennt, gilt in Rabat als Störer. Wer schweigt, bekommt die nächste Welle.

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